Zusteller berichten

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Schönes, Schlimmes, Gefühlvolles und Fachliches aus dem Zusteller-Alltag

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Einleitung
Abhängige Unternehmer
Abgeworben, benutzt und entsorgt
Aushang einer Wut-Mail
Krank machend
Meine erste Woche mit dem Postrad

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Darum geht's

Anonymisierte Erlebnisberichte von Zustellern zu ihrer Tätigkeit, ihrem Arbeitsalltag, ihrer Arbeitssituation, dem Arbeitsklima, in dem sie arbeiten und ihren Gedanken und Gefühlen dazu.

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Einleitung

Auf dieser Seite sind Erlebnisberichte von Zustellern und Zustellerinnen veröffentlicht, die mir zugeschickt wurden und die ich anonymisiert und in eine lesbare Form gebracht habe. Sie sind herzlich eingeladen, mir auch ihre Erlebnisse zu berichten. Kontakt

Abhängige Unternehmer

Der Bericht eines jungen Generalunternehmers bei Hermes. Info und Link dazu unter den Hermes-News.

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Abgeworben, benutzt und entsorgt

Ein ehemaliger Vorgesetzter rief die Teamleiter des Unternehmens EINS privat an. Er sei jetzt in führender Position bei Unternehmen ZWEI beschäftigt, das demnächst einen Konkurrenzbetrieb zu Unternehmen EINS starten wolle und biete ihnen Arbeitsplätze an. Über Konditionen ließ er mit sich reden. Es würde deutlich mehr Geld als bisher sowie unbefristete Stellen geben. Außerdem hätte ihre Position in der Hierarchie des Unternehmens ZWEI mehr Bedeutung, weil keine Gebietsleitung über ihnen installiert würde. Auch Zusteller, die zu Unternehmen ZWEI wechseln würden, erhielten gleich einen unbefristeten Vertrag und mehr Stundenlohn als in Unternehmen EINS. Bei einem Treffen waren neben dem Anrufer (Wechselinitiator) noch zwei weitere Führungspersonen anwesend. Eine hatte ehemals ebenfalls in Unternehmen EINS unterhalb des Wechselinitiators gearbeitet.

Am nächsten Tag erzählten die Teamleiter einigen Zustellern, dass sie kündigen würden und woanders neu anfingen. Einige Zusteller wollten mitgehen. Sie sollten aber erst auf die bald erscheinenden Stellenanzeigen warten und sich dann bewerben. Nicht zuletzt, weil die Teamleiter später diejenigen sein würden, die die Zustellerverträge verhandeln und unterzeichnen würden.

Ende des Monats wurden die Verträge, mit Laufzeitbeginn Anfang des übernächsten Monats, abgeschlossen. Bei Unternehmen EINS hat man dann gekündigt und war im Folgemonat freigestellt. Schriftliche Bewerbungen wurden viel später nachgereicht. Zum offiziellen Start des neuen Arbeitsverhältnisses gab es eine große Versammlung. Dort stellten sich die Führungsriege und der Inhaber vor. Die bange Frage, ob der Betrieb in einem Jahr wieder verkauft werden würde, wurde verneint.

Am Anfang lief auch alles sehr gut für die Wechsler. Man richtete seine Depots selber ein und ab und an schaute der Wechselinitiator vorbei, um zu fragen, ob alles okay wäre. Es gab kein Arbeitszeitkonto für Minus- und Plus-Stunden. Alle waren hoch motiviert und hatten noch viel vor.

Irgendwann aber hat man kaum noch was vom Wechselinitiator gesehen oder gehört. Und dann war den Teamleitern plötzlich doch eine Gebietsleitung vor die Nase gesetzt worden. Es handelte sich um die selbe Person, die den Posten auch schon bei Unternehmen EINS inne gehabt hatte. Sie führte umgehend Arbeitszeitkonten ein und übernahm die Leitung der Meetings. Der Verantwortungsbereich der Teamleiter schrumpfte entsprechend. Und dann wurde noch eine Stelle für die Redressbearbeitung besetzt und zwar mit der selben Person, die das zuvor bei Unternehmen EINS gemacht hatte.

Nach einem halben Jahr gewann das Unternehmen einen Großkunden. Mit ihm war ein einmaliger Großauftrag und ein regelmäßiger 14täglicher Auftrag verbunden, der zeitkritisch war. Irgendwann hieß es, es käme noch ein bestimmter Großkunde dazu, aber dieser Fall trat nie ein. Man gewann aber noch einen mittelgroßen Kunden.

Bei den Meetings wurden Sorgen stets besänftigt: Es laufe gut, es gäbe keinen Grund zur Sorge, versicherte die Gebietsleitung. Einmal sagte sie allerdings auch, dass, wenn der Betrieb schließen müsse, sie keine Probleme beim Arbeitsamt hätte; denn sie verdiene genug.

Einigen Zustellern, die die Teamleiter eingestellt hatten, wurde dann, ohne, dass dies mit den Teamleitern abgesprochen worden war, gekündigt. Nun mussten die verbliebenen Zusteller, die eh schon jeder eine komplette PLZ fuhren, auch noch Post für andere PLZ-Teilstücke mitnehmen. Teamleitern, die fragten, wie das Team die Post denn schaffen solle, wenn Zustellern gekündigt würde, antworteten die Vorgesetzten drohend, sie könnten das Depot des Fragestellers auch schließen.

Dann wurde der Betrieb verkauft. Der Eigentümer und dessen Postadresse änderten sich, sonst aber blieb alles beim Alten. Nun bestand für ein Jahr Kündigungsschutz im Rahmen des Betriebsübergangs. Irgendwann entdeckten die Teamleiter, dass in den Emailadressen der Führung nun eine weitere Domain auftauchte, die auf ein Unternehmen DREI hindeutete. Auf Nachfragen dazu hieß es, sie müssten sich keine Sorgen machen, für sie würde sich nichts ändern.

Bei einem außerordentlichen Meeting, zu dem einberufen worden war, wurde den Teamleitern dann mitgeteilt, dass man die Mietverträge für fast alle Depots gekündigt hätte, angeblich um neue Mietkonditionen auszuhandeln. Irgendwas stimmte hier nicht. Den Teamleitern fiel nun auf, dass eins der Depots schon länger gekündigt und erst mit einem anderen zusammengelegt worden war, das man dann jedoch ebenfalls gekündigt hatte. Dem Umstand, dass ihnen während des Meetings auch der Mitarbeiter der Personalabteilung des Unternehemens EINS im Unternehmen ZWEI begegnet war, maßen die Teamleiter zu dem Zeitpunkt keine besondere Bedeutung bei. Man nahm an, dass er der nicht immer rund laufenden Personalabteilung des Unternehmens ZWEI auf die Sprünge helfen sollte.

Zwei Wochen später, am letzten Arbeitstag der Woche (Zustellung mo.-fr.), während alle auf Zustellung waren, rief ein Zusteller, der schon Feierabend hatte machen können, einen Teamleiter an und meldete, dass er seine Kündigung in seinem Briefkasten vorgefunden hätte. Nach und nach meldeten das immer mehr Zusteller und auch Teamleiter. Am Schluss stand fest, dass allen Zustellern und Teamleitern gekündigt worden war. Die Kündigungen waren von den Fahrern des Betriebs zugestellt worden.

Für das Wochenende war zuvor eigentlich ein Meeting angesetzt gewesen, das dann jedoch abgesagt wurde. Es hieß, dass es einen neuen Termin geben werde, an dem alles erklärt würde. Den Termin gab es aber nie. Keiner ging persönlich auf die Teamleiter zu, rief sie an oder mailte ihnen. Nahmen die Teamleiter umgekehrt Kontakt auf, lautete die Antwort immer noch: "Macht euch keine Sorgen, es gibt keinen Grund."

Irgendwann gab es dann einen Termin, jedoch nur einen, um seine persönlichen Gegenstände abzuholen und den Erhalt zu quittieren.

Es hieß, der Wechselinitiator hätte eine Liste erstellt, mit der er den darauf gelisteten Mitarbeitern eine Stelle bei Unternehmen EINS vermitteln würde. Für all jene, die Unternehmen EINS für Unternehmen ZWEI verlassen hatten, war das aber wohl eher keine Option.

Wenn ich so darüber nachdenke, werde ich wieder richtig wütend. Vor allem wenn [der Wechselinitiator] uns nicht mit mehr Lohn gelockt hätte, wären wir sicher alle immer noch bei [Unternehmen EINS]. Ich habe ja schon einiges erlebt in Zustellfirmen, [...], aber sowas wie hier ist wirklich eine bodenlose Frechheit. Man sollte eigentlich alle warnen, dass, wenn diese Namen auftauchen, man dort bloß nicht anfangen sollte.

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Aushang einer Wut-Mail

Ein Niederlassungsleiter, der verärgert war, weil Zusteller ihn zurechtgewiesen hatten (er hatte in ihrer Abwesenheit ihre Privatsachen durchsucht), schickte am Folgetag eine Email an die Depotleiter, mit der Anweisung, sie auszuhängen. Er berichtete darin sehr erzürnt im Privatjargon über einen Zusteller, der ihm die Vorfahrt genommen hätte und "wie die Sau" gefahren wäre und später in einer Einkaufspassage sein Rad nur angelehnt und lange aus den Augen gelassen hätte. Er hätte den Zusteller daraufhin abgepasst und ihn in aller Strenge zur Rede gestellt und ihm detailliert Anweisung gegeben, wie er sich ab sofort richtig zu verhalten hätte. Kurz darauf hätten sich ihre Wege wieder gekreuzt und der Zusteller hätte nicht im Geringsten etwas an seinem Verhalten geändert gehabt. Dazu teilt der Mailverfasser nun seine unendliche Empörung darüber mit, dass man seine Anweisungen so wenig beachten kann und fügt in seine Mail eine Fülle großformatierter Generalbeschuldigungen und Drohgebärden an sämtliche Zusteller ein und kündigt an, dass ab sofort Kontrollen gemacht würden, um entsprechendes Verhalten abzumahnen.

Es gab von uns nur Kopfschütteln für diese Mail. Der Schreibstil, die Drohungen, die Unglaubwürdigkeit des Vorfalls, die Möglichkeit, dass er, der eigentlich um Imagepflege bemüht sein sollte, tatsächlich in einer Einkaufspassage einen Zusteller seines Betriebs vor Passanten lauthals gemaßregelt hätte, die Tatsache, dass er seine Entgleisung rundmailt und zum Aushang befiehlt, das alles war sowas von abstrus.

Aber es hing tatsächlich da und man hatte uns allen Ernstes angewiesen, es zu lesen, bevor wir auf Tour fahren.

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Krank machend

Der Inhaber unseres Betriebs hatte gewechselt und von einem auf den nächsten Tag änderte sich die Firmenkultur ganz gewaltig in's Negative. In unserem Depot waren die meisten von dem Geist, der das Ruder übernommen hatte, schockiert. Der neue Ton war verheerend. Das Menschenbild dahinter ein herabwürdigendes. Plötzlich musste man extremschleimen, um positiv gesehen zu werden. Zusteller wurden jetzt nicht mehr als Menschen gesehen, die eine andere Funktion als ihre Vorgesetzten erfüllten, sondern als minderwertig, faul und dumm. Zwar hatte man vorher auch nur einen Hungerlohn bekommen, aber die geliebte Tätigkeit und das gute Arbeitsklima waren ein enormer Mehrwert, der das aufwog. Jetzt aber war der Mehrwert um mindestens 80% gesunken und der Aufenthalt im Depot regelrecht krank machend.

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Meine erste Woche mit dem Postrad

Dass das Postrad unten breiter ist als oben, dazu brauchte mein Hirn eine Woche, um das bei meinen Fahrmanövern zu berücksichtigen. Andauernd haute es mich aus dem Sattel, weil ich oben Speed hatte und unten von einem Stein oder Straßenschild, einer Mauer, einem Poller oder einem Busch jäh in meinem Vorwärtsdrang gestoppt wurde. Die massiven Ziersteine vor dem Altenheim musste ich täglich wieder zurecht rücken. Und einmal, auf einer Baustellen-Straße mit sehr viel Auto- und Publikumsverkehr, fiel ich Passanten vor die Füße und hatte zuvor mit einem gewaltigen Rums ein mobiles Verkehrsschild verdreht und fast die provisorische Stromleitung, die dort hing, runter gerissen.

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